2015/16: Fallada oder die Kunst, ein Un-perfektes Leben zu führen

Sommertheater Open Air 2015 und 2016. Eine szenische Collage.
Nach den Werkstattpräsentationen im Sommer 2015 im Planwagen-Camp Grünow und im Kunsthaus Neustrelitz e.V.folgt eine Fortsetzung mit Auftritten im Norden Schleswig-Holsteins (vom 29.-31.7. in Quern, Hof Familie Hoeck) und in Hans Falladas einstigem Wohnort Carwitz (Mecklenburg-Vorpommern) vom 5.-7. August 2016.

Kriegsende 1945: der Dichter Hans Fallada wird Bürgermeister von Feldberg wider Willen. Vom Russischen Befehlshaber überredet, hat Fallada indes ganz andere Sorgen: seine Ehe ist hinüber, seine Geliebte und er dem Morphium verfallen. Das Land liegt in Trümmern. Fallada, was nun?

Ein Blick zurück, ein Blick in seine Romane und seine Biographie.
Zwischen allen Stühlen, Heimatlos, Zerrissen, Süchtig.

Sommer 2015. Eine Produktionschronik.

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Fünf Falladas, bebrillt, mit weißen Hemden, Anzughosen und Hosenträgern sind in einem Bett zusammengepfercht. Sie rauchen Zigaretten, ziehen Grimassen. Aneinander gelehnte, ineinander verschränkte Facetten einer Persönlichkeit.

Sie erzählen, wie sie ihren Freund Hanns Dietrich von Necker töteten, davon, wie sie versuchten, sich selbst das Leben zu nehmen und doch gerettet wurden. Gegen ihren Willen. Immer wieder aufs Neue.

In dem ersten Teil des auf mindestens ein Jahr angelegten Theaterprojekts „Fallada oder die Kunst ein un-perfektes Leben zu führen“ näherten wir uns dem Autoren Rudolf Ditzen alias Hans Fallada an.

Vorbereitend zu den Aufführungen und der Probenphase haben wir uns intensiv mit dem Schaffen Falladas beschäftigt. Dabei wurden Romane wie „Kleiner Mann was nun?“, „Bauern, Bonzen und Bomben“, „Jeder stirbt für sich allein“, „Wolf unter Wölfen“, „Der Trinker“, „Die Kunst ein Morphinist zu sein“, „Gefängnistagebuch“ aber auch „Geschichten aus der Murkelei“, Briefwechsel mit Anna Ditzen oder Tagebucheinträge von einem oder mehreren Teilnehmer_innen gelesen, sodass beinahe sein ganzes literarisches Schaffen abgedeckt worden ist. Wissen, Eindrücke und Leseerfahrungen wurden in der Gruppe gesammelt, reflektiert und in Bezug zu den damaligen historischen Vorgängen gesetzt. Diese und die Auseinandersetzung mit vier verschiedenen Biografien des Schriftstellers bildeten die Grundlage für den Proben- und Arbeitsprozess. Darüber hinaus nutzten wir die Zeit vom 20. Juli bis 5. August 2015, um die Orte zu besuchen, an denen Fallada in seinem letzten Lebensjahrzehnt überwiegend gewohnt hat.

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Unser Ensemble bestehend aus Darsteller_innen im Alter zwischen 17 und 30 Jahren erarbeitete dann unter Anleitung des Regisseurs Folke Witten-Nierade Szenen aus Falladas Leben und Werk. Durch die Verquickung von Motiven aus seiner Biographie und seinen Romanen entwarfen wir eine Szenencollage, in welcher die Person Rudolf Ditzens mit den Figuren Hans Falladas verschwimmt.

Der Schwerpunkt der szenischen Arbeit ruht dabei zunächst auf der Beschreibung der Todessehnsucht Falladas, seinen Exzessen, seinem Drogenmissbrauch und der ausschweifenden Lebensführung in Berlin. Immer wieder wird Falladas Leben durchkreuzt von Aufenthalten in Psychiatrien und Haftanstalten. An Bahnhöfen, Berliner Casinos oder auf Sylt begegnet er Verlegern, Dealern, Psychiatern, Prostituierten, Bauern, Erpressern, Polizisten, Kriegsflüchtlingen und Adeligen, allesamt Repräsentanten einer Gesellschaft im Taumel zwischen wilhelminischer Restriktion, zweier Weltkriege und dem rauschhaften Exzess der 1920er Jahre.

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In der ersten Probenwoche wurden Szenen assoziativ zu einzelnen Themenkomplexen aus Falladas Leben erarbeitet, wobei chronologisch Aspekte aus seiner Biographie behandelt wurden. Die Ergebnisse wurden in der zweiten Probenwoche zu einem dramaturgischen Bogen zusammengefügt, der Falladas Leben zwischen Rausch und Schriftstellertum, Heil- und Haftanstalten, Kartoffelacker und Großstadt beleuchtete.

Probenort war das Planwagencamp Grünow bei Neustrelitz, knapp 16 km entfernt von Carwitz, dem Ort, an welchem Fallada von 1933 bis 1944 lebte. Dort spielten wir auch am 1. August unter freiem Himmel die Premiere vor dem Panorama des Müritzer Nationalparks. Auf die Premiere folgte der Umzug ins Kunsthaus Neustrelitz, in dessen Hinterhof das Stück zwei weitere Male zur Aufführung kam.

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Das besondere an der Arbeitsweise von TheaterVision2.0 ist, dass der Arbeitsfokus auf den verschiedenen Lebenskontexten der Teilnehmer_Innen liegt, die Falladas Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven betrachteten. Studierende der Fachrichtungen Soziale Arbeit, Soziologie oder Lehramt treffen auf angehende Dramaturg_Innen, Musicaldarsteller_Innen, Kulturwissenschaftler_Innen und Theaterpädagog_Innen, dabei können die Teilnehmenden aus ursprünglichen Wissensfeldern heraustreten, um Neigungen und Talente zu entfalten: als Schauspieler_In aber auch als Autor_In, Bühnen- und Maskenbildner_In, Sänger_In oder Tänzer_In.

So ist es für uns Teilnehmende möglich im Austausch mit dem Rest der Gruppe über uns hinauszuwachsen, dabei zugleich neue Seiten an uns selbst zu entdecken und neue Formen von Theatralität zu erproben. So erstreckte sich die Bandbreite der künstlerischen Umsetzung von fertiggeschriebenen Szenen über abstrakte Bildformen, Sprechchöre, Improvisationen und Choreographien bis hin zu Soundcollagen und Installationen.
Der Freiraum, den die Arbeit als Theaterkollektiv uns Teilnehmenden dabei bietet, löst uns los von den Verpflichtungen, denen wir in unserem Alltag nachkommen müssen und gibt uns die Möglichkeit, uns selbst, unsere Anliegen als Künstler_In und Menschen zu verwirklichen. Der momentane Gegenstand des Projekts unterstützt diese Wahrnehmung zudem, da die vielfältigen Erfahrungen, die Rudolf Ditzen in seinem Leben gemacht hat, als Projektions- und Identifikationsfläche der Wünsche, Ängste, Sehnsüchte und Ambitionen jedes Einzelnen dienen können.

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Da Rudolf Ditzen in einem Zeitraum massiver gesellschaftlicher und sozialer Umbrüche und Einschnitte gelebt hat, besitzt der Gegenstand unserer Arbeit für uns besondere Aktualität.

TheaterVision2.0 betrachtet die Aufführungen als eine Werkschau des bislang Erarbeiteten. Wir werden das gewonnene Material in den kommenden Monaten weiterentwickeln, daran probieren und arbeiten, um im Sommer 2016 weitere Aufführungen zu spielen. Dabei sollen unsere Bemühungen dem Versuch gelten, eine Rückbindung an das Lebensumfeld Falladas zu vertiefen, wofür bereits Verhandlungen mit dem Hans-Fallada-Haus in Carwitz als weiterer Spielort aufgenommen worden sind. Es sollen aber auch andere Facetten Falladas mehr Beachtung finden, wie z.B. seine Rolle als Ehemann und Vater.

Proben- und Aufführungszeitraum wird Juli und August 2016 sein.
Weitere Aufführungen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg sind in Planung.

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Regie: Folke Witten-Nierade
Dramaturgie: Svenja Käshammer
Bühnenbild: Charlotta Hench
Maske und Kostüm: Julia Nierade
Text: Sebastian Klauke
Fotos: Christian Limber